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„Ohne Moos nix los!“

Die einen befürchten eine Pleitewelle, die anderen Forderungsausfälle in Rekordhöhe. Fest steht: Allen Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung zum Trotz bleibt das Thema Finanzierung ein kritischer Punkt für den Handel.

Mit einem blauen Auge davongekommen: die Entwicklung der Umsätze im Einzelhandel in den vergangenen Jahren
Mit einem blauen Auge davongekommen: die Entwicklung der Umsätze im Einzelhandel in den vergangenen Jahren

„Der Ausfall von Forderungen gepaart mit einem Rückgang des Auftragsvolumens trifft vor allem mittelständische Unternehmen mit voller Wucht und kann selbst gesunde Unternehmen in einen gefährlichen Insolvenzstrudel reißen“, meint Gerd-Uwe Baden, der Vorstandsvorsitzende der Euler Hermes Kreditversicherungs-AG. Für 2010 rechnet sein Unternehmen mit einer weiter steigenden Zahl der Unternehmensinsolvenzen. Der allergrößte Teil der Firmeninsolvenzen solle dabei nicht auf die Industrie, sondern auf die Handels- und Dienstleistungsbranchen entfallen. Auch Creditreform-Vorstand Helmut Rödl sieht derzeit „keinen Silberstreif am Horizont.“ Die beiden Wirtschaftskenner rechnen für das laufende Jahr mit rund 40 000 Firmenpleiten, was einen Anstieg von knapp 10 Prozent bedeuten würde.

„2010 wird für den Einzelhandel kein Zuckerschlecken“, befürchtet dann auch Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverband Deutschland (HDE), der unlängst auf der Konjunktur-Pressekonferenz deutliche Worte fand: „Die Folgen der Krise werden uns noch beschäftigen, wenn es für andere Branchen längst wieder bergauf geht. Die Perspektiven für den Einzelhandel sind daher bescheiden.“

Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE
Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE

Dabei ist und bleibt das Thema Finanzierung ein kritischer Punkt im Geschäftsmodell des Handels. Denn die traditionell dünne Eigenkapitalausstattung der Handelsunternehmen geht einher mit einem regelmäßigen und vergleichsweise hohen Bedarf an kurz- und mittelfristigem Fremdkapital vor allem für die Beschaffung des Warenbestands.

Immerhin gibt es im Rahmen der Konjunkturpakete der Bundesregierung auch das „KfW-Sonderprogramm“ zur Unternehmensfinanzierung kleiner und mittelständischer Betriebe. Rund 17 Prozent der darüber ausgeschütteten Mittel flossen bisher in den Handel. Die Kreditvolumina bewegen sich dabei überwiegend im mittleren fünfstelligen Bereich. Nach wie vor läuft die Antragstellung über die Hausbanken, deren Ausfallrisiko kann aber um bis zu 90 Prozent vom KfW-Sonderprogramm in Form einer Haftungsfreistellung übernommen werden.

Doch wie sieht die Situation im Handel tatsächlich aus? Die derzeit aktuellsten Daten dazu dürften die Ergebnisse der „Unternehmensbefragung 2009“ sein, bei der der HDE gemeinsam mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und weiteren Fachverbänden Handelsunternehmen aller Größenklassen und Rechts-formen befragt hat. Die Antworten der befragten Händler machen deutlich, dass sich die Wirtschaftskrise schon früh negativ auf die Finanzierungsbedingungen für den Einzelhandel ausgewirkt hat. So sind sogar rund 40 Prozent der befragten Unternehmen der Meinung, dass sich die Bedingungen für die Kreditvergabe „erheblich erschwert“ haben. Vor allem die gesteigerten Anforderungen an die Dokumentation der Vorhaben und die Offenlegung von Geschäftszahlen und -strategien werden als Gründe für die neuen Schwierigkeiten bei der Kreditaufnahme genannt. Weitere aus Sicht des Handels störende Punkte sind höhere Zinsen und die steigenden Anforderungen, was die Sicherheiten angeht. Dabei führen zeitliche Verzögerungen, die sich etwa aus zusätzlichen Dokumentationspflichten ergeben, im Handel schnell zu handfesten Problemen. Auffällig ist, dass 33 Prozent der Händler kurzfristige und teure Kontokorrentkredite nutzen, da ihnen offenbar kaum Alternativen zur Verfügung stehen. Und rund ein Viertel der befragten Händler klagte, überhaupt keine Kredite mehr zu bekommen.

Die Gründe, die zur Ablehnung eines Kreditantrags führen, sind vielfältig. Der häufigste Grund ist – nicht überraschend – das Fehlen von ausreichenden Sicherheiten. Sehr häufig spielt aber die zu niedrige Eigenkapitalbasis eine Rolle. Sie wird als zweithäufigster Grund genannt. Allerdings gaben auch mehr Händler als im Vorjahr an, dass eine geänderte Geschäftspolitik der Bank zur Ablehnung des Kredits geführt hat. Immerhin: 58 Prozent der Unternehmen, deren Kreditantrag abgelehnt wurde, waren in der Lage, ihr Investitionsvorhaben ganz oder zumindest teilweise doch irgendwie durchzuführen.

Die leicht negative Preisentwicklung hat sich positiv auf die Kauflaune der Verbraucher ausgewirkt.
Die leicht negative Preisentwicklung hat sich positiv auf die Kauflaune der Verbraucher ausgewirkt.

War das Bewusstsein für die Rating/Scoring-Thematik in der Vergangenheit noch nicht so ausgeprägt beim Handel, zeigt das Ergebnis der Unternehmensbefragung 2009 eine deutliche Veränderung. Immerhin 61 Prozent der Einzelhandelsunternehmen gaben an, über eine kreditinstitutsinterne Rating-Note zu verfügen. Allerdings sind rund der Hälfte der Unternehmen weder die Kriterien für die den Ratingwert ergebende Bonitätsprüfung noch ihre eigene Ratingnote überhaupt bekannt. Und ein weiteres Viertel der Händler weiß nicht, wie sich ihre Ratingnote im zurückliegenden Jahr verändert hat. Dementsprechend wünschen sich viele Händler eine ausführlichere Kommunikation der Banken zu diesem Thema: Ganz oben auf der „Wunschliste“ stehen eine detailliertere Darstellung sowie ein Aufzeigen von Verbesserungsmöglichkeiten.

Das wäre in vielen Fällen sicher mit einer Verbesserung der vielbeschworenen Eigenkapitalquote zu erreichen – genau das ist aber für den Handel schwer, schließlich hat er mit einer hohen Kapitalbindung durch Warenbestand, Ausstattung und Mieten zu kämpfen. Laut HDE-Unternehmensbefragung weist tatsächlich die Mehrheit der Händler (fast 60 Prozent) eine Eigenkapitalquote von weniger als 25 Prozent auf. Bei einem Viertel der Händler liegt diese sogar unter 10 Prozent. Aber immerhin 34 Prozent beabsichtigen, diese Quote zu steigern.

Diese feste Absicht passt auf jeden Fall zu dem, was Stefan Genth vom HDE auf der Konjunktur-Pressekonferenz sagte: „Für den Einzelhandel gilt 2010 also vor allem eines: durchhalten und dranbleiben.“

www.creditreform.de

www.einzelhandel.de

www.euler-hermes.de

Nachgefragt…

… bei Horst-Werner Maier-Hunke, dem Vorsitzenden des PBS-Industrieverbands

Aus den aktuellen Konjunkturperspektiven des IFO-Instituts geht hervor, dass bei den Handelsunternehmen speziell in der PBS-Branche zwar die Lagerbestände gesunken sind, sich die Händler aber dennoch mit Bestellungen zurückhalten. Ist das ein Anzeichen für die vielbeschworene Kreditklemme oder einfach nur eine pessimistische Beurteilung der Wirtschaftsentwicklung?

Das mit der Geldbeschaffung ist natürlich schon ein Riesenproblem momentan. Dabei spielen ja bei der Kreditvermittlung im Handel traditionell die Sparkassen eine sehr große Rolle. Die sind zwar weiter bemüht, Kredite zur Verfügung zu stellen, gerade aber die kleineren Sparkassen sind aber ihrerseits sehr stark eingeengt in ihrem Handlungsspielraum. Vermutlich wird sich die Situation im zweiten Quartal, wenn alle Unternehmen ihre Bilanzen vorlegen müssen, noch verschärfen. Denn die Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2009 dürften bei vielen Betrieben schlechter als im Vorjahr ausfallen.

Wenn dann auch noch wenig Eigenkapital vorhanden ist, besteht die Gefahr, dass die Banken Kredite kündigen. Das könnte eine ganze Reihe von Unternehmen treffen. Grundsätzlich wird also das Thema Eigenkapital immer wichtiger. Probleme bekommen aber auch schlecht gehende Firmen, wenn die Wirtschaft wieder anzieht und sie dringend Liquidität für den Wareneinkauf benötigen, aber keine Kredite bekommen. Die Diskussion über eine Kreditklemme erscheint mir aber verfrüht.

Stichwort Förderprogramm Mittelstand – bewährt sich das KfW-Programm in der Praxis?

Dieses Förderprogramm ist relativ gut ausgestattet, und wenn sämtliche Voraussetzungen erfüllt sind, werden die Anträge inzwischen auch sehr schnell abgewickelt. Da hat sich bei der KfW einiges getan. Das gilt aber grundsätzlich auch für die Förderbanken der Länder: Die Genehmigungsausschüsse tagen mittlerweile deutlich häufiger als früher.

Was hat sich durch die Krise im geschäftlichen Umgang – sei es zwischen Lieferanten und Handel, sei es zwischen Unternehmen und Banken – verändert? Der Handel versucht heute, die Finanzierung möglichst über die Lieferanten laufen zu lassen.

Außerdem hat er ein Interesse daran, sein Lager zum Lieferanten zu verlagern. Lieferanten und Handel haben zudem gleichermaßen ein Kostenproblem: Es gibt noch genauso viele Aufträge wie vor der Krise, die Umfänge der Aufträge aber sind kleiner. Gleichzeitig gibt es aber nur wenige Möglichkeiten, die anfallenden Logistikkosten zu senken. Im Umgang mit den Banken rate ich jedem, offen mit Informationen umzugehen.

Heute braucht man wieder eine Hausbank, die einen kennt. Und weil auch Kreditversicherer weitaus kritischer als früher agieren, sollte jeder versuchen, sein Rating hochzuhalten. Auch an sich gute Scoring-Werte können sich schnell verändern. Da muss man nur eine Rechnung nicht bezahlen, weil es Differenzen mit dem Lieferanten gibt, sofort verschlechtert sich der Scoring-Wert. Man muss sich heute permanent um das Thema kümmern, seine Werte im Auge behalten.

www.ifo.de

www.pbs-industrieverband.de

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